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Presse-Information

14. Januar 2016

Rede von Präsident Rukwied bei der Eröffnungsfeier der Internationalen Grünen Woche 14. Januar 2016

Es gilt das gesprochene Wort!

(Anreden und Begrüßungen)

Heute blicken wir auf 90 Jahre Internationale Grüne Woche (IGW) zurück. Die IGW hat in ihrer Geschichte viele Erfolge, Fortschritte, Weiterentwicklungen, aber auch Krisen, Kriege, Konflikte und Zeitenwenden gesehen. Die Grüne Woche war immer mehr als eine Verbrauchermesse oder nur agrarpolitische Diskussionsplattform: Sie hat immer auch Höhen und Tiefen der Politik, der Wirtschaft und natürlich auch der Agrar- und Ernährungswirtschaft gespiegelt.

Es ging in 90 Jahren IGW immer um mehr als um Märkte und die Frage hoher oder niedriger Preise. Landwirtschaft, Ernährung und Lebensmittel hatten immer besondere politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Es hat seine guten und richtigen Gründe, dass wir nie eine Branche „wie jede andere“ waren - und für die deutschen Bauernfamilien darf ich sagen, dass wir darauf stolz sind.

Politische Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Wertschätzung für Ernährung, Lebensmittel, Landwirtschaft und Kulturlandschaft sind das eine. Die andere Seite der Medaille ist die wirtschaftliche Perspektive – und aus der Sicht vieler Bauernfamilien, heute, im Januar 2016, muss ich sagen: das wirtschaftliche Überleben. Aktuell stehen wir an einem Tiefpunkt nicht nur der Agrarmärkte, sondern des gesamten weltweiten Gefüges der Rohstoffmärkte. Das hat gravierende Folgen für Einkommen, Wertschöpfung und Perspektiven der Landwirtschaft in Deutschland, Sie kennen die Zahlen und Hintergründe. Die Fähigkeit der Bauernfamilien, mit dieser Situation unternehmerisch umzugehen, wird aufs Äußerste gefordert - und zum Teil auch überfordert.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Wertschätzung guter und nachhaltiger Landwirtschaft sind derzeit diametral entgegengesetzt. Diesen Widerspruch aufzulösen oder zumindest zu entschärfen, ist eine gemeinsame Aufgabe für Bauernfamilien, Agrarpolitik, Ernährungsindustrie, Lebensmittelhandel und Verbraucher. Gelingt dies nicht, verlieren Landwirtschaft und ländlicher Raum Einkommensgrundlage und Perspektiven. Agrarpolitik würde sich letztlich selbst in Frage stellen und auch die vielzitierten gesellschaftlichen Anforderungen laufen ins Leere, wenn ihre Umsetzung sich am Markt nicht wirtschaftlich darstellen lässt. Lassen Sie uns diese IGW nutzen, um diese gemeinsame Aufgabe anzupacken! Ein allgemeines Bekenntnis, dass „Lebensmittel mehr wert sein müssen“, reicht nicht aus! Es geht um Veränderungen, um eine andere Zusammenarbeit in der Erzeugungs- und Wertschöpfungskette und letztlich um den Platz, den Landwirtschaft in der Gesellschaft und in der Politik einnimmt. Ich lade alle Beteiligten ein, diesen Dialog mit uns zu führen.

Lassen Sie uns aber auch über die Veränderungen außerhalb der Agrarpolitik sprechen. 2016 steht Europa, steht Deutschland an einem Wendepunkt, an dem die großen Probleme und Herausforderungen mit Wucht auf die Tagesordnung drängen und keinen Aufschub, kein Ausweichen dulden.

Wenige Meter von hier – im ICC, wo wir noch 2014 die IGW eröffnet haben – sind Hunderte Flüchtlinge untergebracht und zeigen, wie nahe und präsent die Flüchtlingskrise im deutschen Alltag geworden ist.

Die Flüchtlingskrise zeigt uns,

• wie elementar wichtig politische und gesellschaftliche Stabilität außerhalb von Europa für Europa ist.

• wie dünn das Eis europäischer Gemeinsamkeiten werden kann und wie hoch der Preis für den Verlust dieser Gemeinsamkeiten zu werden droht.

• woran es mangelt, wenn wir auf die Fluchtursachen schauen: funktionierende Volkswirtschaften, die den Menschen Beschäftigung, Ernährungs- und Versorgungssicherung sowie Einkommens- und Lebensperspektiven geben. Dazu gehören auch prosperierende ländliche Räume und eine intakte Landwirtschaft als Voraussetzung für eine funktionierende Volkswirtschaft und für Gesellschaften, die den Menschen Perspektiven gibt und nicht in die Flucht zwingt.

• wie wichtig internationale Entwicklungszusammenarbeit ist. Wenn Europa nicht dazu beitragen kann, dass die Verhältnisse vor Ort stabil und tragfähig sind, kann die Flüchtlingskrise nicht gelöst werden.

• und schließlich: was Deutschland zu leisten vermag, wenn die vorhandenen Ressourcen intelligent genutzt werden.

• aber auch: wo Deutschland an Grenzen stößt, wenn die Herausforderungen der Flüchtlingskrise nicht gleichzeitig europäisch und international angegangen werden.

Die zweite große Herausforderung unserer Zeit, den Klimawandel, kann jeder von uns in diesen Tagen unmittelbar und persönlich spüren. Das Pariser Abkommen ist ein Meilenstein. Darin wird die Sonderrolle anerkannt, die Landwirtschaft in dreierlei Hinsicht hat:

• für die Ernährungssicherung,

• als unmittelbar vom Klimawandel betroffener Wirtschaftsbereich,

• und als Teil der Lösung auf dem Weg zur Dekarbonisierung der Wirtschaft.

Die Herausforderung der Bewältigung des Klimawandels kann nur mit internationaler und globaler Zusammenarbeit angegangen werden. Paris war ein wichtiger Schritt, nun gilt es, dieses Moment in konkrete Verpflichtungen umzusetzen, die von der internationalen Gemeinschaft – und nicht nur von einzelnen ambitionierten Staaten – getragen werden. Die Rolle der Landwirtschaft darf nicht darauf beschränkt werden, technokratische Emissionsminderungsziele zu erfüllen. Die gemeinsame Aufgabe ist die Sicherung der Welternährung in Zeiten des Klimawandels, die Bereitstellung nachwachsender Rohstoffe und erneuerbarer Energien.

Flüchtlingskrise, zunehmende internationale Spannungen und der Klimawandel haben die „gesellschaftliche Debatte“ über Landwirtschaft und Ernährung in einen anderen Rahmen gesetzt, aber nicht von der Tagesordnung gedrängt. Deshalb bleibt Veränderung das Stichwort für den heimischen Markt: Die marktgerechte Umsetzung gesellschaftlicher Anforderungen und neuer Nachfragetrends sind gefragt.

Die Bauernfamilien sind zur Veränderung bereit, sie wollen die Veränderung gestalten, sich weiterentwickeln und zukunftsfähig bleiben. Wir sind bereit für Veränderungen. Dazu brauchen wir Wertschöpfung und erwarten Wertschätzung!

Ihnen allen wünsche ich ein gesundes Jahr 2016 und eine erfolgreiche Internationale Grüne Woche!