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Presse-Information

14. Januar 2016

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt zur Eröffnung der Internationalen Grünen Woche, 14. Januar 2016

Wir müssen deutlich machen: Die Landwirtschaft ist eine starke und wichtige Branche

• International Verantwortung übernehmen: Für eine nachhaltige Landwirtschaft

• Zukunftsfähige und nachhaltige Landwirtschaft braucht eine verlässliche Basis

• Schluss

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

International Verantwortung übernehmen: Für eine nachhaltige Landwirtschaft

"Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern." (End hunger, achieve food security and improved nutrition and promote sustainable agriculture)

Dieses ehrgeizige Ziel hat sich die Weltgemeinschaft im September in New York gegeben. Bis 2030 wollen wir den Hunger auf der Welt beenden. Das ist unser Acker, den wir bestellen müssen, damit wir ernten können.

Ja, das Ziel ist erreichbar. Mit vereinter Kraft können wir es schaffen. Was möglich ist, wie eine nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung aussehen kann, das zeigt die 81. Grüne Woche, die wir heute gemeinsam eröffnen. Dies ist die Schau der Leistung und des Stolzes von Land- und Ernährungswirtschaft; dies ist die Schau gelebter Verantwortung und Nachhaltigkeit; und dies ist die Schau von Lebensart und Lebensgefühl unserer grünen Berufe.

"Leider erkennt man fast nirgendwo die wahre Schönheit der Landwirtschaft, dass sie einen geistigen Inhalt und gleichsam eine Seele hat", formulierte einst Justus von Liebig. Hier bei der Grünen Woche ist das anders. Hier können wir die Seele der Landwirtschaft spüren.

Ich grüße mit Respekt und Dankbarkeit alle Bäuerinnen und Bauern, die Landfrauen und die Landjugend und vor allem auch unsere internationalen Gäste, insbesondere aus unserem Partnerland 2016, Marokko, dem ersten nichteuropäischen Partnerland der IGW überhaupt. Königliche Hoheit, lieber Ministerkollege Akhannouch, danke für Ihre beeindruckende Präsentation der Kultur sowie der Land- und Ernährungswirtschaft Ihres Landes! Damit setzen Sie ein Zeichen für die notwendige Kooperation von Europa und Afrika - um Lebensbedingungen zu schaffen, die eine gemeinsame Welt ohne Hunger so sehr braucht!

Dieses große Ziel einer Welt ohne Hunger werden wir nicht erreichen, ohne eine gute Landwirtschaft auf der Höhe der Zeit. Unsere beiden Länder arbeiten traditionell in der Agrarwirtschaft eng zusammen; wir haben 2014 mit der Eröffnung des deutsch-marokkanischen Exzellenzzentrums für Landwirtschaft in Sidi Slimane ein weiteres Zeichen unseres Engagements gesetzt. Kompliment auch für Ihre nationale Zukunftsinitiative "Maroc vert", mit der Sie die Landwirtschaft Ihres Landes nachhaltig entwickeln!

Zusammenstehen müssen wir auch, wenn es darum geht, die aktuelle Flüchtlingskrise zu meistern. Hunger und Perspektivlosigkeit in den ländlichen Gebieten sind häufige Ursachen für Destabilisierung und Flucht. Da müssen wir ansetzen! Wir müssen die Menschen durch die Stärkung einer nachhaltigen und standortangepassten Landwirtschaft dabei unterstützen, sich selbst zu ernähren und sich in ihrer Heimat tragfähige Perspektiven aufzubauen.

Der aktuelle Slogan von Brot für die Welt trifft den Nagel auf den Kopf: "Satt ist gut, Saatgut ist besser". Mit diesem Ansatz will ich auch auf der internationalen Bühne und in Kooperation mit strategischen Partnern wie der FAO meinen Beitrag leisten für Ernährungssicherung und Stabilität. So verstanden ist Ernährungspolitik Sicherheitspolitik! Und Ernährung funktioniert heute wie in Zukunft nicht ohne Landwirtschaft! Deshalb gehört die Landwirtschaft in die Mitte der Gesellschaft: Überall auf der Welt, auf dem Land wie in den urbanen Ballungszentren.

In seiner Videobotschaft für das GFFA - die Berliner Welternährungskonferenz, hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon betont: "Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden drei von vier Menschen in urbanen Gegenden leben. Sicherzustellen, dass jeder in den wachsenden urbanen Zentren Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln hat, ist entscheidend, um das Ziel der Beendigung des Hungers zu erreichen!" Urbanisierung ist der "Megatrend" unserer Zeit; sie ist nicht aufzuhalten. Gelingen kann sie aber nur im Zusammenspiel mit einer nachhaltig effizienten Landwirtschaft. Deshalb stehen Agrarministergipfel und GFFA dieses Jahr unter der Überschrift: "Wie ernähren wir die Städte?". Ich sage nicht ohne Stolz: Unsere Berliner Welternährungskonferenz hat sich als weltgrößte Agrarministerkonferenz fest etabliert. Nutzen wir die Chance, gemeinsam die Weichen für die Zukunft der Welternährung zu stellen. Die Ernährung der Menschheit ist und bleibt die vornehmste Aufgabe der Landwirtschaft!

Das Pariser Klimaschutzabkommen unterstreicht: Klimaschutz darf nicht auf Kosten der Ernährung betrieben werden. Für die beiden UN-Nachhaltigkeitsziele Klimaschutz und Ernährungssicherung gilt: Ein "Entweder-Oder" darf es nicht, ja kann es nicht geben. Die Devise muss heißen: sowohl als auch! Denn wenn die Landwirtschaft dem Klimawandel zum Opfer fällt, ist auch der Kampf gegen den Hunger verloren! Deshalb übernimmt die Landwirtschaft ihren Teil der Verantwortung, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Wir werden gemeinsam daran arbeiten, unsere Landwirtschaft noch nachhaltiger und gleichzeitig noch effizienter und leistungsfähiger zu machen. Herzstück meiner Agrarpolitik wird es bleiben, dafür die Weichen richtig zu stellen.

Zukunftsfähige und nachhaltige Landwirtschaft braucht eine verlässliche Basis

Sie, liebe Bäuerinnen und Bauern, haben dabei schon enorm viel geleistet.

Wir können den Menschen heute selbstbewusst sagen: Schaut Euch doch mal um, wie grün unsere Landwirtschaft ist, wie viele Zwischenfrüchte den Winterboden bedecken, wie viele Hecken und Blühstreifen der Vogelwelt eine Heimat bieten. So sieht Landwirtschaft in Deutschland aus! Darauf können Sie stolz sein! Hier auf der Grünen Woche sehen wir: Bauern sind heute IT-Spezialisten, Landschaftspfleger, Natur- und Tierschützer, Ernährungsexperten und Unternehmer in einer Person. Sie leisten Herausragendes, dafür danke ich Ihnen! Und das, obwohl Ihnen im letzten Jahr so mancher Gegenwind der Märkte heftig ins Gesicht blies. Da hilft kein Schönreden: Einkommenseinbußen von durchschnittlich 32 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Wirtschaftsjahr: Das lässt sich nicht einfach wegstecken.

Nachhaltige Landwirtschaft, liebe Bäuerinnen und Bauern, das heißt auch wettbewerbsfähige Landwirtschaft. Die Wettbewerbsfähigkeit müssen wir gemeinsam stärken. Kurzfristig habe ich dazu das Liquiditätshilfeprogramm mit einem Fördervolumen von 69 Mio. Euro aus EU-Mitteln aufgelegt. Die Akzeptanz für das Programm ist groß! In der kommenden Woche wird die Auszahlung beginnen. Mit Blick auf die Zukunft sage ich deutlich: Unser Agrarsektor ist nicht krank! Er braucht keine Rosskur! Was unsere Bäuerinnen und Bauern brauchen sind Verlässlichkeit, faire Marktbedingungen und Perspektiven. Wir haben jetzt seit einem Jahr Erfahrungen mit der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik, der GAP, gesammelt. Bevor wir nun hektisch am Steuer drehen, müssen wir uns doch mit der gebotenen Gründlichkeit ansehen, ob wir auf dem richtigen Kurs sind! Lassen Sie uns die neuen Erfahrungen erst einmal bewerten und gleichzeitig für Vereinfachungen sorgen. Denn die GAP darf nicht zum Experimentierfeld für Gesellschaftspolitik werden!

Natürlich machen wir uns schon heute Gedanken, wie es nach 2020 weitergeht. Ich sage Ihnen: Die Stärkung einer leistungs- und marktorientierten Landwirtschaft und attraktiver ländlicher Räume bleibt weit oben auf der Agenda. Notwendig ist künftig aber vor allem auch eine bessere Absicherung der Landwirte gegen Wetter- und Marktrisiken. Und die gemeinsame Agrarpolitik muss Taktgeber bleiben: Für Umwelt-, Klima- und Tierschutz – mit der Landwirtschaft und nicht gegen sie!

Meine Damen und Herren, um der Land- und Ernährungswirtschaft Perspektiven zu bieten, gehen wir gemeinsam in die Offensive: Für mehr Wertschöpfung, mehr Wettbewerbsfähigkeit und mehr Fairness in der Lebensmittelkette! Die Branche muss ihre Chancen ergreifen, in der Breite wie in der Nische, auf dem Wochenmarkt wie auf dem Weltmarkt. Wir wollen mit unseren hochwertigen Agrargütern auch international kaufkräftige Kunden gewinnen. Dazu brauchen wir faire Spielregeln auf dem Weltmarkt, von denen alle Länder profitieren können. Von der WTO-Ministerkonferenz in Nairobi ging dafür ein entscheidender Impuls aus. An einem fairen Welthandel muss die deutsche Ernährungs- und Landwirtschaft teilhaben, ja, sie soll auch davon profitieren. Dafür stehe ich! Und dafür biete ich die stringente Exportstrategie meines Hauses an.

Aber auch der deutsche Markt bietet Potenziale, die wir nicht brachliegen lassen dürfen. Spezialitäten, regionale Erzeugnisse und besonders tierwohlgerechte Produkte sind bei den Verbrauchern sehr gefragt. Die Deutschen sind bereit, dafür mehr zu zahlen. Dieses Marktpotenzial müssen wir nutzen: für mehr Tierwohl in den Ställen und ein besseres Einkommen für die Landwirte. Die Landwirtschaft ist eine starke und wichtige Branche, auf die wir nicht verzichten können. Das müssen wir deutlich machen.

Deshalb bin ich aktiv geworden: Ich habe ich gestern die Akteure von "Wir haben es satt" und "Wir machen satt" in meinem Haus an einen Tisch geholt – als Teil eines breit angelegten Diskussionsprozesses. Mein Ziel: Miteinander reden statt übereinander urteilen. Und – um auf das Zitat von Liebig zurückzukommen – ich will in diesem Diskurs auch die Seele der Landwirtschaft sichtbar machen.

Im Herbst folgt dann mein Grünbuch "Ernährung und Landwirtschaft" - als Fundament meiner Politik. Mein Ziel ist, die Landwirtschaft in der Mitte der Gesellschaft zu verankern und ihr gebührenden Respekt zu verschaffen.

Schluss

Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen, mit den Landwirtinnen und Landwirten, den Menschen aus vielfältigen grünen Berufen, dem Forst, dem Gartenbau, den Landfrauen, der Landjugend und vielen Akteuren in unseren lebendigen ländlichen Räumen.

Ich wünsche mir, dass diese IGW auch einen Beitrag dazu leistet, die Wertschätzung für unsere Lebensmittel zu erhöhen. Denn hier lässt sich erfahren, wie viel in unseren Lebensmitteln steckt! Dieses Wissen ist gerade bei der jüngeren Generation heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Deshalb werde ich die Bildungsinitiativen meines Hauses weiter ausbauen. Und ich fordere: Das kleine Einmaleins der Ernährung muss wieder in die Schulen – am besten als eigenes Schulfach!

Nutzen wir alle auch das Gespräch mit den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Wo könnte dies besser gelingen als hier? Denn die Grüne Woche ist die zweitbeste Botschafterin der Land- und Ernährungswirtschaft. Die besten Botschafter aber sind und bleiben Sie, meine Damen und Herren, die Sie mit Ihrer Hände Arbeit für unser täglich Brot sorgen! Sie sind die besten Botschafter für eine Landwirtschaft in der Mitte der Gesellschaft!

Vielen Dank!