100 Jahre Grüne Woche: Von der Wiedervereinigung bis zur Gegenwart
Die offenen Grenzen gen Osten bedeuten eine neue Blütezeit für die Internationale Grüne Woche. Nicht nur die neuen Bundesländer, auch Aussteller aus Osteuropa bereichern fortan das Angebot.
Hohen Besuch erwartete die Internationale Grüne Woche (IGW) im Januar 1989: Die Königliche Hoheit Prinz Albert von Belgien reiste an, denn sein Land stellte zum 35. Mal in Berlin aus. Kaum jemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass noch im gleichen Jahr die Mauer fallen sollte. Bereits ein Jahr später begrüßte die Messe Bürgerinnen und Bürger aus der DDR. Sie verhalfen der IGW zu einem neuen Besucherrekord: mehr als 690.000 Gäste. Ein Heißluftballon mit dem Slogan „Qualität kennt keine Grenzen“ feierte die neue Ära. Die politische Prominenz ließ sich diesen Termin nicht entgehen. Schirmherr Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker kam ebenso wie EG-Agrarkommissar Ray Mac Shary. Aus der DDR waren der Land- und der Außenwirtschaftsminister angereist.
Der Mauerfall und die Wiedervereinigung veränderten die IGW auch auf Ausstellerseite nachhaltig. 1991 präsentierten sich die fünf neuen Bundesländer an einem Gemeinschaftsstand. Es gab außerdem eine Gemeinschaftsschau „Wiedervereinigtes Deutschland“ mit allen Bundesländern. Im gleichen Jahr stellte die UdSSR zum letzten Mal aus. Russland und die GUS-Staaten sollten sich in der Folge separat präsentieren, unter anderem auf dem Internationalen Seafood-Markt 1992. Nach der EU-Osterweiterung kam 2007 ein Drittel der Aussteller aus Osteuropa. Auch die Beteiligung aus Entwicklungs- und Schwellenländern nahm zu. So stellten Tansania, Namibia und Saudi-Arabien ab Anfang der neunziger Jahre aus. Gleichzeitig blieben Staaten wie die USA eine verlässliche Größe. Sie begeisterten die Besucherinnen und Besucher zum Beispiel 1990 in Halle 20 mit Hamburgern, Nuggets, Ice-Cream und Cookies. 1996 sollten die USA ihr 40-jähriges Jubiläum auf der IGW feiern.
Lernen über Landwirtschaft
Nicht nur Genuss, auch Bildung wurden immer wichtiger. Das Landwirtschaftsministerium informierte in seinen Ausstellungen in den Neunzigern über Milchprodukte, vollwertige Ernährung oder Getreide. 1998 gab es erstmals einen Bio-Markt. Inzwischen war das Rahmenprogramm mit rund 300 Vorträgen, Seminaren und Symposien stark gewachsen. Dazu gehörte das Internationale Forum Agrarpolitik des Deutschen Bauernverbandes, einem der Träger der IGW, und das Ost-West-Agrarforum des Bundeslandwirtschaftsministeriums.
1993 fand gleichzeitig zur IGW die erste FRUIT LOGISTICA statt. Ab 2004 erhielt die Leitmesse für den internationalen Fruchthandel einen eigenen Termin im Messekalender, zeitlich getrennt von der Grünen Woche.
Mehr Platz verhieß der fertiggestellte Erweiterungsbau 1999. Auf 160.000 Quadratmetern war nun Raum für tiefere Einblicke in die Landwirtschaft. 2000 startete der ErlebnisBauernhof seine Erfolgsgeschichte. Dort zeigt der Deutsche Bauernverband (DBV) seitdem zusammen mit Partnern, wie moderne Landwirtschaft funktioniert. Bereits in den Nachkriegsjahren beteiligte sich der heutige Trägerverband der Grünen Woche mit eigenen Ausstellungen, zum Beispiel 1952 in einem filigranen Pavillon aus Holzlatten. DBV-Präsident Constantin Heereman von Zuydtwyck stand 1983 unter anderem mit Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Grünen Woche vor der Kamera. Für das Fachpublikum organisierte der DBV nach der Wende das Internationale Forum Agrarpolitik. Bis heute stellen sich die Expertinnen und Experten den Fragen der Gäste, egal ob es um Milchproduktion, Tierhaltung oder Landmaschinen geht.
Auf in die Zukunft
Zukunftsthemen sollten mit dem neuen Millennium noch stärker Einzug erhalten in das Programm der IGW. Holzbau, Erneuerbare Energien oder nachhaltige Geldanlagen ergänzten die Kernthemen Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau.
Für eine gemeinsame Zukunft hatten sich auch die Paare entschieden, die sich 2002 in der Blumenhalle das Ja-Wort gaben. Der Glanz der Grünen Woche sollte künftig das Messegelände überstrahlen. Eine Lichtinstallation von Karl Feldmann projizierte 2006 das Logo aufs Brandenburger Tor, ein Jahr später erstrahlte auch der Funkturm in Grün. Mehr Platz erhielten die deutschen Regionen ab 2012. In sieben aufeinanderfolgenden Hallen konnten die Gäste auf eine kulinarische Deutschlandtour gehen.
Den Blick über die Staatsgrenzen hinweg hebt das seit 2008 parallel zur Grünen Woche stattfindende Global Forum for Food and Agriculture (GFFA). Der Einladung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) folgen jedes Jahr um die 70 Agrarministerinnen und -minister aus der ganzen Welt. Sie diskutieren mit Teilnehmenden aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Aspekte der Ernährungssicherung. Dass sich die IGW als Ort der Diskussion versteht, zeigt die Teilnahme der Umweltaktivist:innen von Fridays for Future 2020.
Den Innovationsgeist der Lebensmittelindustrie zeigen seit 2008 die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), ebenfalls ideeller Trägerverband der Messe, sowie der Lebensmittelverband auf der IGW. Am Gemeinschaftsstand, der 2018 erstmals unter dem Motto „Wie schmeckt die Zukunft“ lief, wurde der „Bux Burger“ eines Startups präsentiert, eine eiweißreiche Alternative zu Rind und Schwein. Auch vegane Produkte werden immer populärer. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner schnitt 2024 den ersten pflanzenbasierter Döner der Unilever-Marke am BVE-Stand an. Bereits vier Jahre zuvor hatte Nestlé Deutschland eine vegane Wurstalternative mit einer Pelle aus Algen verkostet. Seit 2016 bieten die Verbände Koch-Workshops für Grundschüler:innen an, die auf große Resonanz treffen.
Pandemiebedingt fand die IGW 2021 digital statt. 2022 fiel sie aus, bevor es im Jahr 2023 ein starkes Live-Comeback gab. Erstmalig präsentiert die Messe die Themenwelt „grünerleben“ mit praktischen Beispielen für ein nachhaltiges Leben. Ein neues Markenkonzept stellte die Messe Berlin im Vorfeld der 2024er Ausgabe vor: Das Logo erhielt ein Update, und aus der Internationalen Grünen Woche wurde wieder die Grüne Woche. Der Untertitel „The global hub for agribusiness“ unterstreicht ihre internationale Bedeutung. 2024 besuchte Bundeskanzler Olaf Scholz die Messe. Im Kontext der Bauernproteste suchte er auf der Grünen Woche das Gespräch mit Landwirt:innen und Vertreter:innen der Verbände.
Auch hundert Jahre nach der ersten Ausgabe wird die Erfolgsgeschichte der Grünen Woche fortgeschrieben. Nachhaltigkeit steht weiterhin oben auf der Agenda, wie die neue ZERO Themeninsel zeigt. Das Reitsportevent HIPPOLOGICA und die Berufe-Schau young generation hub werden auf der Grünen Woche 2026 weiterwachsen. An den Startup-Days präsentieren junge Unternehmen innovative Geschäftsideen, die die Lebensmittel- und Landwirtschaft von morgen prägen werden. Doch es bleibt auch Raum zurückzublicken: Eine Ausstellung lässt 100 Jahre Grüne Woche Revue passieren. Die Blumenhalle ist passend im Stil der zwanziger Jahre gestaltet. Beste Voraussetzungen also für ein erfolgreiches Jubiläumsjahr zwischen Vergangenheit und Zukunft!

1991 - Zum ersten Mal dabei waren die fünf neuen Bundesländer Brandenburg, Mecklemburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Foto: Messe Berlin